Die Zunge als natürliche GNE – warum die Zungenruhelage für die Oberkieferentwicklung so wichtig ist
08. Juni 2026Die Zungenruhelage am Gaumen spielt eine zentrale Rolle für die transversale Entwicklung des Oberkiefers. Wie bereits in den vorherigen Beiträgen zum Thema Oberkieferwachstum beschrieben, besitzt der Oberkiefer insbesondere im Bereich der Gaumennaht (Sutura palatina mediana) eine hohe Anpassungsfähigkeit und entwickelt sich in seiner Breite in Abhängigkeit von den umgebenden funktionellen Bedingungen.
Eine entscheidende Rolle übernimmt dabei die Zunge.

Die Zunge als natürlicher Wachstumsimpuls
In der physiologischen Entwicklung wirkt die Zunge durch kontinuierliche, leichte Kräfte am Gaumen als natürlicher Wachstumsimpuls für den Oberkiefer. Liegt sie in ihrer Ruhelage flächig am Gaumen an, unterstützt sie dessen Breitenentwicklung auf natürliche Weise.
Aus diesem Grund kann die Zunge als die eigentliche „natürliche GNE“ betrachtet werden.
Während in der kieferorthopädischen Therapie mechanische Apparaturen eingesetzt werden, um einen bereits zu schmal entwickelten Oberkiefer nachträglich zu erweitern, übernimmt die Zunge diese Aufgabe während der natürlichen Entwicklung eines Kindes kontinuierlich und physiologisch.
Was passiert bei einem zu schmalen Oberkiefer?
Entwickelt sich der Oberkiefer aus verschiedenen Gründen – häufig im Zusammenhang mit einer tiefen Zungenruhelage – zu schmal, kann eine kieferorthopädische Nachentwicklung erforderlich werden.
Hierfür kommen beispielsweise zum Einsatz:
- Dehnplatten
- Gaumennahterweiterungsapparaturen (GNE)
- skelettal verankerte Erweiterungssysteme
- operative Erweiterungsverfahren
Im frühen Kindesalter sind für die Erweiterung meist nur geringe Kräfte erforderlich, da die Gaumennaht noch nicht verknöchert ist. Mit zunehmendem Alter steigt der notwendige Kraftaufwand deutlich an.

Warum die Stabilisierung genauso wichtig ist wie die Erweiterung
Unabhängig von der gewählten Methode haben alle transversalen Erweiterungen eines gemeinsam: Die erreichte Breite muss langfristig stabil gehalten werden.
Geschieht dies nicht, kann es zum bekannten Rezidiv kommen, also zu einer erneuten Einengung des Oberkiefers.
Die natürlichste Stabilisierung erfolgt durch:
- eine physiologische Zungenruhelage am Gaumen
- einen kompetenten Lippenschluss
- eine stabile Nasenatmung
Nur wenn diese funktionellen Voraussetzungen erfüllt sind, kann die erreichte Oberkieferbreite langfristig gesichert werden.
Warum die myofunktionelle Therapie unverzichtbar ist
Aus funktioneller Sicht sollte eine transversale Oberkiefererweiterung immer von einer myofunktionellen Therapie begleitet werden.
Dabei geht es darum, die natürliche Funktion von Zunge und Lippen wiederherzustellen und die physiologische Zungenruhelage dauerhaft zu etablieren.
Erst dadurch kann die Zunge ihre Rolle als natürlicher Wachstums- und Stabilisierungsmotor übernehmen.

Frühbehandlung: Die natürlichen Wachstumskräfte nutzen
Macht man sich bewusst, dass die Zunge die natürliche, vom Körper vorgesehene „GNE“ darstellt, wird deutlich, warum die frühzeitige Unterstützung dieser Funktion eine so große Bedeutung hat.
Kann eine physiologische Zungenruhelage bereits im jungen Alter etabliert werden, lässt sich eine spätere mechanische Gaumennahterweiterung in vielen Fällen vermeiden.
Der besondere Vorteil einer präventiven Frühbehandlung liegt darin, dass mit vergleichsweise geringen und vor allem natürlichen Mitteln Einfluss auf das Wachstum genommen werden kann.
Wachstum, Sutur, Zunge und Ruheweichteilbeziehung arbeiten dabei im Einklang mit den natürlichen Strukturen des Körpers – ganz ohne unnötiges „Zerren und Zurren“.
Wann eine GNE trotzdem sinnvoll ist
Die Bedeutung der Zungenruhelage bedeutet jedoch nicht, dass jede transversale Nachentwicklung ausschließlich über die Zunge erreicht werden kann.
Ist bereits ein ausgeprägtes Fehlwachstum vorhanden und der Oberkiefer deutlich zu schmal entwickelt, stellen Dehnplatten oder eine Gaumennahterweiterung häufig eine sinnvolle und notwendige Therapie dar.
In diesen Fällen passt die Zunge oftmals nicht mehr ausreichend in den vorhandenen Oberkiefer. Eine myofunktionelle Therapie allein wäre dann zunächst nicht zielführend.
Nach der transversalen Erweiterung sollte jedoch möglichst früh mit dem Training der Zungenruhelage begonnen werden. Die Zunge übernimmt anschließend die Aufgabe des natürlichen Wachstumsmotors und trägt wesentlich zur langfristigen Stabilität des Behandlungsergebnisses bei.
Fazit
Die Zunge ist weit mehr als ein Muskel zur Sprach- und Schluckfunktion. In ihrer physiologischen Ruhelage am Gaumen wirkt sie als natürlicher Wachstumsimpuls für den Oberkiefer und unterstützt dessen Breitenentwicklung.
Ist die Funktion der Zunge gestört, kann dies die Entwicklung des Oberkiefers nachhaltig beeinflussen. Deshalb spielen die frühzeitige Förderung der Zungenruhelage und die myofunktionelle Therapie eine zentrale Rolle für eine gesunde Kieferentwicklung.
Mechanische Erweiterungen wie eine GNE können bereits entstandene Fehlentwicklungen korrigieren – die langfristige Stabilität wird jedoch maßgeblich durch die Zunge selbst gesichert.
Quelle: Dr. Andrea Freudenberg, Expertin für mykie® - myofunktionelle Kieferorthopädie