Entdeckung der Langsamkeit

Myofunktionelle Therapie braucht Zeit – zwei Patientenfälle zeigen, warum Kontinuität entscheidend ist

21. Oktober 2026

Die Automatisierung neuer Funktionsmuster beruht auf der „Entdeckung der Langsamkeit“. Stehen kieferorthopädische Fehlstellungen – beispielsweise ein fehlender Frontzahnkontakt – im Zusammenhang mit funktionellen Dysbalancen, ist für einen langfristig stabilen Therapieerfolg die gleichzeitige Behandlung von Form und Funktion entscheidend.

Gerade die Therapie der Funktion benötigt Zeit, denn die Automatisierung neuer Funktionsmuster entwickelt sich meist erst über einen längeren Zeitraum.

Zwei Patientenfälle zeigen, welche Bedeutung Geduld, Kontinuität und konsequente Wiederholung für nachhaltige kieferorthopädisch-myofunktionelle Behandlungsergebnisse haben können.

Warum die Automatisierung neuer Funktionsmuster Zeit braucht

Bereits über Jahre etablierte Funktionsmuster durch neue physiologische Abläufe zu ersetzen, erfordert viel Zeit und Konsequenz. Genau hier zeigt sich, warum die präventive Kieferorthopädie einen so großen Vorteil bietet. Kinder frühzeitig in ihrer physiologischen Entwicklung zu begleiten und gesunde Funktionen von Beginn an zu fördern, ist häufig weniger aufwendig, als bereits verfestigte Fehlfunktionen zu korrigieren.

Die gemeinsame Behandlung von Form und Funktion spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn werden zwar kieferorthopädische Fehlstellungen korrigiert, die zugrunde liegenden funktionellen Dysbalancen jedoch nicht berücksichtigt, kann die langfristige Stabilität des Behandlungsergebnisses beeinträchtigt werden.

Patientenfall 1: Frontaler Bissschluss nach 2,5 Jahren Therapie

Entdeckung der Langsamkeit 1

 

Der Patient stellte sich erstmals im Alter von neun Jahren vor. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein Fehlwachstum stattgefunden. Es bestand eine Unterkieferrücklage mit fehlendem Frontzahnkontakt, sodass ein Abbeißen mit den Frontzähnen nicht möglich war. Über einen Zeitraum von 2,5 Jahren konnte unter Begleitung eines konfektionierten Trainers schrittweise ein frontaler Bissschluss erreicht werden. Der entstandene Frontzahnkontakt ist dabei nicht nur ein kieferorthopädisches Behandlungsergebnis, sondern zugleich ein wichtiger Hinweis auf eine verbesserte physiologische Zungenfunktion.

Der Patientenfall verdeutlicht, dass nachhaltige funktionelle Veränderungen Zeit benötigen und langfristiger Therapieerfolg durch Geduld, Kontinuität und konsequente Wiederholung entsteht.

Welche Rolle spielt der konfektionierte Trainer?

Eine wesentliche Unterstützung bietet das Tragen eines individuell ausgewählten konfektionierten Trainers während der Nacht. Durch die regelmäßige Anwendung lassen sich therapeutische Maßnahmen über einen längeren Zeitraum in den Alltag integrieren. Der Trainer kann dabei helfen, physiologische Funktionsmuster zu fördern und die schrittweise Automatisierung zu unterstützen. Entscheidend ist die individuelle Auswahl eines geeigneten Trainers, abgestimmt auf die jeweilige Ausgangssituation und die funktionellen Therapieziele.

Patientenfall 2: Rezidiv eines offenen Bisses langfristig stabilisieren

Entdeckung der Langsamkeit 2

 

Ein weiterer Patientenfall verdeutlicht die Bedeutung der langfristigen funktionellen Stabilisierung nach einer kieferorthopädischen Behandlung. Bei einer Patientin hatte sich der zuvor korrigierte frontale Biss erneut geöffnet. Die Zunge hatte die Frontzähne wieder auseinandergedrückt.

Im Rahmen der Rezidivbehandlung wurde der offene Biss mithilfe von Alignern erneut geschlossen. Parallel erfolgte ein myofunktionelles Online-Training, um die zugrunde liegenden funktionellen Fehlmuster zu behandeln. Zur anschließenden Stabilisierung trägt die Patientin nachts eine Zungengarage. Diese unterstützt die physiologische Zungenruhelage am Gaumen und erinnert die Zunge während der Nacht immer wieder an ihre korrekte Position. Ziel ist es, die neu erlernte Zungenruhelage langfristig zu automatisieren. Ergänzend verwendet die Patientin nach individueller fachlicher Anleitung ein Mundtape, um den Lippenschluss und die Nasenatmung während der Nacht zu unterstützen. Voraussetzung dafür ist eine ungehinderte Nasenatmung.

Auch zwei Jahre später ist der Biss im Frontzahnbereich geschlossen geblieben.

Die Nacht als Unterstützung der myofunktionellen Therapie

Die beiden Patientenfälle zeigen, welche Rolle die regelmäßige nächtliche Unterstützung bei der Automatisierung physiologischer Funktionsmuster spielen kann. Während tagsüber gezielte myofunktionelle Übungen durchgeführt werden, bietet die Nacht mit ihren vielen zusammenhängenden Stunden eine zusätzliche Möglichkeit, neue Ruheweichteilbeziehungen zu fördern.

Hilfsmittel wie konfektionierte Trainer oder individuell angefertigte Zungengaragen können dabei unterstützen, die Zunge in ihre physiologische Ruheposition am Gaumen zu führen und neu erlernte Funktionsmuster langfristig zu festigen. Die Zungengarage ist besonders grazil gestaltet und kann ähnlich wie eine Schiene über längere Zeit nachts getragen werden. So erhalten physiologische Funktionen die Zeit, die sie benötigen, um sich schrittweise zu automatisieren.

Fazit: Nachhaltiger Therapieerfolg durch Geduld und Wiederholung

Die „Entdeckung der Langsamkeit“ ist ein wesentlicher Bestandteil der myofunktionell-kieferorthopädischen Therapie. Beide Patientenfälle verdeutlichen, dass nachhaltige funktionelle Veränderungen nicht von heute auf morgen entstehen. Vielmehr benötigen sie Geduld, Kontinuität und konsequente Wiederholung. Die gemeinsame Behandlung von Form und Funktion sowie der gezielte Einsatz individuell geeigneter therapeutischer Hilfsmittel können dazu beitragen, neue physiologische Funktionsmuster langfristig zu etablieren. Denn nachhaltiger Therapieerfolg entsteht nicht allein durch die Korrektur einer Fehlstellung, sondern auch durch die dauerhafte Veränderung der zugrunde liegenden Funktion.


Quelle: Dr. Andrea Freudenberg, Expertin für mykie® - myofunktionelle Kieferorthopädie