Nachhaltigkeit in der Kieferorthopädie

Nachhaltigkeit in der Kieferorthopädie

04. Februar 2026

Wie innovative Kunststoffe, digitale Workflows und ressourcenschonende Prozesse den ökologischen Fußabdruck verringern können.

Wer sich heute für eine Zahnkorrektur entscheidet, hat meist klare Ziele im Blick: ein gesundes, ästhetisches Lächeln und eine Behandlung, die sich nahtlos in den Alltag integrieren lässt. Doch zunehmend rückt bei Patientinnen und Patienten noch ein dritter Aspekt in den Fokus: der ökologische Fußabdruck der Therapie.

Green Dentistry: Mehr als nur ein Trend

Nachhaltige Kieferorthopädie ist längst kein Nischenthema mehr. Nach dem Motto „Green Dentistry“ findet derzeit ein Umdenken in der gesamten Zahnmedizin statt. Das Ziel: medizinische Exzellenz und Hygienevorschriften mit ökologischer Verantwortung in Einklang bringen.

Der Handlungsbedarf ist durchaus gegeben: Aktuellen Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich über 25 Millionen Aligner nach der Nutzung entsorgt. Diese Zahl verdeutlicht einerseits die hohe Nachfrage nach transparenten Zahnschienen zur diskreten Zahnkorrektur, andererseits zeigt sie, dass Aligner in Sachen Nachhaltigkeit noch Aufholbedarf haben.

Sowohl in der Forschung als auch in der Behandlung setzt man auf neue Lösungen durch technologischen Fortschritt. Von intelligenten Hochleistungskunststoffen bis hin zu optimierten Prozessen: Die nachhaltige Kieferorthopädie von morgen schont Ressourcen, ohne Kompromisse bei der Behandlungsqualität einzugehen.

Aligner aus intelligenten Kunststoffen

Wenn es um den ökologischen Fußabdruck geht, spielt die Materialwahl eine entscheidende Rolle. Die Forschung arbeitet bereits an innovativen Lösungen für eine umweltfreundliche Zahnschiene, die sowohl effizient als auch ressourcenschonend ist.

Vielversprechende Ansätze kommen etwa aus der Kunststoff-Entwicklung. Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) entwickelt beispielsweise sogenannte Formgedächtnispolymere für die Aligner-Therapie. Die Idee ist revolutionär: Statt für jeden kleinen Bewegungsschritt eine neue Schiene zu produzieren, könnten in Zukunft „intelligente“ Aligner zum Einsatz kommen.

Diese Materialien verändern ihre Form durch Wärme, etwa im Mund oder durch warmes Wasser. Ein einziger Aligner könnte so mehrere Behandlungsschritte nacheinander durchführen, da er sich an eine zweite, gespeicherte Form „erinnert“. Während bei einer herkömmlichen Therapie oft 40 bis 60 Kunststoffschienen pro Patientin oder Patient anfallen, könnte diese Zahl durch die neue Technologie drastisch sinken. Die klinische Erprobung des Materials steht zwar noch aus, aber das Potenzial der Technologie ist enorm: eine signifikante Reduktion des Kunststoffverbrauchs bei gleichbleibend präziser Zahnkorrektur.

Nachhaltigkeit durch Qualität

Doch Nachhaltigkeit braucht nicht immer futuristische Lösungen. Auch durch Langlebigkeit lässt sich viel Müll vermeiden. Das gilt in der Kieferorthopädie vor allem für die Retentionsphase, in der es darum geht, das Behandlungsergebnis zu stabilisieren.

Eine vergleichende Ökobilanz-Studie im European Journal of Orthodontics kommt zu einem spannenden Ergebnis: Klassische, stabile Retainer aus Draht und Kunststoff schneiden in der langfristigen Umweltbilanz oft besser ab als transparente Plastikschienen. Letzere bestehen meist aus einer dünnen Folie, nutzen sich im Alltag schneller ab oder brechen und müssen daher [LK1]  häufiger ausgetauscht werden. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die Entscheidung für die eine oder andere Variante sollte immer nach individueller Beratung erfolgen. Aber manchmal ist die bewährte, langlebige Lösung am Ende auch die grünere.

Ressourcenschonende Prozesse und Aligner-Recycling

Moderne Praxen setzen heute zunehmend auf digitale Workflows und intelligente Entsorgungskonzepte, um Ressourcen zu schonen. Ein zentrales Thema ist der Umgang mit getragenen Schienen. Studien weisen darauf hin, dass Aligner-Materialien wie PET-G oder Polyurethan nicht in den Hausmüll gehören. Werden sie unsachgemäß entsorgt oder verbrannt, können schädliche Stoffe freigesetzt werden.

Aus diesem Grund sollten Praxen auf professionelle Aligner-Recycling-Konzepte setzen. Durch spezielle Rücknahmeboxen lässt sich sicherstellen, dass die Kunststoffe einem fachgerechten Recycling zugeführt werden. So wird die Umwelt weniger belastet, und wertvolle Rohstoffe können in neuen Produkten weitergenutzt werden, etwa in der Industrie. Auch große Hersteller wie Align Technology optimieren ihre Prozesse stetig und setzen zunehmend auf recycelbare Verpackungen und klimaneutrale Produktionswege.

Global denken, lokal handeln 

Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin sollte auf vier Säulen basieren: reduce (reduzieren), reuse (wiederverwenden), recycle (wiederverwerten) und rethink (umdenken). Für Patientinnen und Patienten hat das sogar Vorteile. Weniger Termine dank digitaler Planung, weniger Abfall und mehr Komfort durch digitale Scans statt Gipsabdrücke – und die Gewissheit, in einer Praxis behandelt zu werden, die Verantwortung übernimmt.

Ein schönes Lächeln mit gutem Gewissen

Die Kieferorthopädie befindet sich im Wandel. Der Weg zur „Green Dentistry“ ist kein Sprint, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Wer langlebige Materialien einsetzt, innovative Technologien nutzt und konsequent recycelt, kann heute schon einen Beitrag leisten.

 

Quellen

  • Das Gesundheitsportal medondo.health
  • You T, Duane B, Hussein A, Samsonova A, Gwenola Sizun, Loujin Shakerdi, et al. Environmental sustainability of post-orthodontic dental retainers: a comparative life-cycle assessment of Hawley and Essix retainers. European Journal of Orthodontics. 2024 Mar 15;46(2).
  • Peter E, Monisha J, Sylas VP, George SA. How environmentally friendly is the disposal of clear aligners? A gas chromatography-mass spectrometry study. American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics [Internet]. 2024 Oct 2; Available from: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0889540624003603
  • Arzu Manochehri, Shilpa Bhandi, Licardi FW, Patil S. Sustainable Smiles: Green Orthodontics for a Better Tomorrow [Internet]. eCommons at Roseman University. 2025 [cited 2025 Dec 15]. Available from: https://ecommons.roseman.edu/researchsymposium/2025/basic_sciences/9/
  • Intelligente Materialien für die Aligner-Therapie: nachhaltiger, kostengünstiger, schonender -  Fraunhofer IAP [Internet]. Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP. 2023 [cited 2025 Dec 15]. Available from: https://www.iap.fraunhofer.de/de/Pressemitteilungen/2023/intelligente-materialien-fuer-aligner-therapie.html
  • Martin N, Mulligan S, Hatton P, Shellard I. Consensus on Environmentally Sustainable Oral Healthcare: A Joint Stakeholder Statement [Internet]. 2022 Dec. Available from: https://www.fdiworlddental.org/sites/default/files/2022-12/consensus-on-environmentally-sustainable-oral-healthcare.pdf
  • Align Technology Switzerland GmbH Sustainability Report Financial Year 2024 [Internet]. 2025 Jun [cited 2025 Dec 15]. Available from: https://www.aligntech.com/documents/Align%202024%20Sustainability%20Report%20Swiss%20Final_June%2013%202025_v1%20final.pdf