Ruheschwebelage und Zungenruhelage – warum Entlastung für das Kiefergelenk so wichtig ist
18. Mai 2026Unter physiologischen Bedingungen besteht zwischen Ober- und Unterkiefer nur für einen sehr kurzen Zeitraum pro Tag Zahnkontakt. Dieser beschränkt sich im Wesentlichen auf die Mastikation – also das Kauen – sowie das kurze Zubeißen beim Schlucken. Insgesamt summiert sich dies auf nur etwa sieben Minuten täglich.
Diese Tatsache ist von zentraler Bedeutung, da das Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis) funktionell kein primär lasttragendes Gelenk wie beispielsweise Hüft- oder Kniegelenk ist. Es ist nicht für eine dauerhafte Kompressionsbelastung ausgelegt.
Die Funktion des Kiefergelenks
Die Gelenkfunktion basiert auf einem diskusgeführten Zusammenspiel von Rotation und Translation. Für eine physiologische Funktion des Kiefergelenks sind dabei insbesondere eine gleichmäßige Kraftverteilung sowie die Entlastung im Ruhezustand entscheidend.
Die überwiegende Zeit befindet sich das stomatognathe System daher in der sogenannten Ruheschwebelage (interokklusaler Ruhezustand).
Diese ist gekennzeichnet durch:
- einen freien interokklusalen Abstand von etwa 2–4 mm
- eine tonisch reduzierte Aktivität der Kaumuskulatur
- fehlenden Zahnkontakt
Die Ruheschwebelage ermöglicht dem Kiefergelenk und der Muskulatur eine funktionelle Entlastung und stellt einen wichtigen Bestandteil der physiologischen Balance des Systems dar.

Die Bedeutung der Zungenruhelage
Ein zentraler funktioneller Faktor innerhalb dieses Systems ist die Zungenruhelage.
Physiologisch liegt die Zunge mit breiter Auflage am Gaumen an. Die Zungenspitze befindet sich dabei im Bereich der Papilla incisiva, ohne Druck auf die Frontzähne auszuüben.
Diese Position unterstützt:
- die neuromuskuläre Balance
- die Stabilität dentaler und skelettaler Strukturen
- die physiologische Nasenatmung
Die Zungenruhelage trägt damit wesentlich zur funktionellen Stabilität des gesamten stomatognathen Systems bei.
Dauerhafter Zahnkontakt und seine Folgen
Dauerhafte Okklusionskontakte – wie sie beispielsweise bei parafunktionellen Aktivitäten wie Pressen oder Knirschen auftreten – können zu einer erhöhten mechanischen Belastung der gelenknahen Strukturen sowie der Kaumuskulatur führen.
Diese Überlastung wird mit der Entstehung craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD) in Verbindung gebracht.
Insbesondere eine fehlende Ruheschwebelage sowie funktionelle Störungen der Zungenposition können die muskuläre Balance beeinflussen und das Kiefergelenk dauerhaft belasten.
Zungenruhelage als Bestandteil funktioneller Therapie
Die physiologische Zungenruhelage spielt nicht nur während des Wachstums eine wichtige Rolle, sondern auch für die langfristige Stabilität funktioneller und kieferorthopädischer Behandlungsergebnisse.
Ziel funktioneller Therapieansätze ist es daher häufig, eine stabile Nasenatmung, eine physiologische Zungenposition sowie eine entspannte Ruheschwebelage zu fördern.

Fazit
Die Ruheschwebelage und die Zungenruhelage sind zentrale Bestandteile eines funktionell ausgeglichenen stomatognathen Systems.
Da das Kiefergelenk nicht für dauerhafte Belastung ausgelegt ist, sind fehlender Zahnkontakt im Ruhezustand, eine reduzierte Muskelaktivität sowie eine physiologische Zungenposition entscheidend für die funktionelle Balance.
Störungen dieser Mechanismen können langfristig zu muskulären Beschwerden und craniomandibulären Dysfunktionen beitragen.
Quelle: Dr. Andrea Freudenberg, Expertin für mykie® - myofunktionelle Kieferorthopädie