Zungenpiercing und Kieferbeschwerden – welche Rolle die Zungenruhelage für das neuromuskuläre System spielen kann
11. Mai 2026Diffuse Beschwerden im Kiefer- und Gesichtsbereich lassen sich nicht immer unmittelbar einer klaren Ursache zuordnen. Umso wichtiger ist eine ganzheitliche Betrachtung möglicher Einflussfaktoren im Rahmen der Diagnostik.
Ein aktueller Patientenfall zeigt eindrucksvoll, welche Bedeutung die Zungenruhelage für die funktionelle Balance im Kieferbereich und im gesamten neuromuskulären System haben kann.
Patientenfall: Kiefergelenksbeschwerden und Ohrenschmerzen ohne eindeutigen Befund
Im Rahmen einer Neuvorstellung stellte sich eine 39-jährige Patientin mit diffusen Beschwerden im Kieferbereich sowie Ohrenschmerzen vor. Zusätzlich berichtete sie über nächtliches und auch tagsüber auftretendes Zähnepressen.
Die Schmerzen im Gesichtsbereich beschrieb die Patientin auf einer Skala von 0 bis 10 mit einer Intensität von 8.
Die klinische Untersuchung ergab zunächst keinen eindeutigen Anhaltspunkt für die beschriebenen Beschwerden. Auffällig war jedoch ein Zungenpiercing, das die Patientin bereits seit ihrem 18. Lebensjahr trug. Die Beschwerden hatten sich allerdings erst in den vergangenen zwei Jahren zunehmend entwickelt, sodass ein direkter Zusammenhang zunächst nicht offensichtlich erschien.
Dennoch wurde der Patientin empfohlen, das Zungenpiercing probeweise zu entfernen.
Rückmeldung der Patientin nach Entfernung des Zungenpiercings
Einige Wochen später berichtete die Patientin über eine deutliche Veränderung ihrer Beschwerden:
„Ich war am 02.09.2025 mit starken Kiefergelenksbeschwerden in der Praxis. Die Untersuchung war sehr interessant und für mich aufschlussreich. Mir wurde empfohlen, mein Zungenpiercing zu entfernen, da dieses möglicherweise die Beschwerden verstärkt.
Ich habe den Rat noch am selben Tag umgesetzt – und bereits nach etwa einer Woche waren meine starken Schmerzen vollständig verschwunden. Rückblickend ist mir erst danach bewusst geworden, wie häufig ich im Alltag mit dem Piercing gespielt habe.
Auch wenn ich mich noch manchmal daran gewöhnen muss, es nicht mehr zu haben, ist für mich vor allem eines spürbar: Ruhe im Kieferbereich. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.
Ich möchte mich herzlich für die freundliche Art, das ausführliche Gespräch und die für mich sehr hilfreiche Behandlung bedanken.“
Die Bedeutung der Zungenruhelage für das funktionelle Gleichgewicht
Der Patientenfall verdeutlicht die Bedeutung der Zungenruhelage für die funktionelle Balance im Körper und im Kieferbereich.
Eine physiologische Zungenruhelage ist nicht nur während des Wachstums oder zur Stabilisierung kieferorthopädischer Behandlungsergebnisse relevant. Sie spielt auch eine wichtige Rolle für das neuromuskuläre Gleichgewicht des gesamten Systems.
Bereits kleine dauerhafte Reize oder kompensatorische Bewegungsmuster können muskuläre Spannungen beeinflussen und funktionelle Beschwerden verstärken. Im vorliegenden Fall wurde der Patientin erst nach Entfernung des Piercings bewusst, wie häufig sie unbewusst mit dem Piercing gespielt hatte und welche dauerhafte Aktivität dadurch im Kiefer- und Zungenbereich bestand.
Ganzheitliche Diagnostik in der Kieferorthopädie
Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu betrachten und auch mögliche Einflussfaktoren außerhalb klassischer kieferorthopädischer Befunde in die Diagnostik einzubeziehen.
Nicht immer stehen Beschwerden ausschließlich im Zusammenhang mit Zahnstellung oder Kiefergelenken. Auch funktionelle Gewohnheiten, muskuläre Dysbalancen oder Veränderungen der Zungenfunktion können Einfluss auf das gesamte System nehmen.
Viele Patientinnen und Patienten beschreiben eine physiologische Zungenruhelage als ein Gefühl von Ruhe, Entspannung und Ausgeglichenheit im Körper.
Fazit
Die funktionelle Balance im Kieferbereich wird von vielen Faktoren beeinflusst. Der vorgestellte Patientenfall verdeutlicht, dass auch scheinbar nebensächliche Gewohnheiten oder dauerhafte Reize – wie ein Zungenpiercing – Einfluss auf muskuläre Spannungen und Beschwerden nehmen können.
Eine ganzheitliche Diagnostik sowie die Berücksichtigung der Zungenfunktion und Zungenruhelage können dabei helfen, funktionelle Zusammenhänge besser zu erkennen und individuelle Therapieansätze zu unterstützen.
Quelle: Dr. Andrea Freudenberg, Expertin für mykie® - myofunktionelle Kieferorthopädie